Montag, 2. November 2009

Nachwort: Die Suche nach dem "Treffpunkt"

Jeder grössere Bahnhof hat ihn: den Treffpunkt. Zentral gelegen, dient er als Fixpunkt im Bahnhofsgewimmel. Nicht so in Baden.

Eine ganze Weile dauerte meine Sucherei, bis ich den "Treffpunkt Bahnhof Baden" schliesslich doch noch fand. Verschupft steht er neben dem Gebäude, hinter der maroden Büvette, dort, wo ihn sicher niemand erwartet. - Und wo folglich auch niemand wartet (ausser unser DRS-Bus, rechts im Bild).

Apéro nach 6 Stunden Hörpunkt aus Baden

Geschafft! Nach über 6 Stunden Live-Sendung aus dem Bahnhof Baden wird die Prosecco-Flasche herumgereicht. Angestossen wird direkt im Stationshäuschen.

Die Hörpunkt-Crew v.l.: Komponistin Margrit Rieben, Dagmar Wasler (Redaktion/Moderation), Felix Schneider (Redaktion), Birgit Kiupel (Künstlerin "Skizzen Bahnhof Baden"), Gabriela Kägi (Redaktion/Moderation).

Wer nichts kauft, ist unwichtig

Eines weiss ich nun nach diesem Hörpunkt-Tag: Badens Maroni-Verkäufer sind tüchtige Menschen, die am liebsten nicht gestört werden. An drei Orten in der Bahnhofsumgebung nachgefragt, und immer die gleiche Antwort: "Sorry, keine Zeit."

Nicht, dass Kunden in Massen zugegen wären, nein: Aber das Rühren in der Maroni-Pfanne will professionell und mit Bedacht getan werden, so scheint es. Bei so viel Zuwendung ist mir dann die Lust auf Maroni vergangen.

PS. Foto? Maroni-Verkäufer Nr. 2: "Chasch vergässe."

Aus dem Skizzenbuch (5): Am Billettautomaten

Der SBB-Billettautomat hat seine Tücken: Das merkten auch diese zwei Passanten, die unsere Künstlerin Birgit Kiupel eingefangen hat.

Frau der Taschen und Schuhe

Nach der schweren Geschichte von vorhin nun noch etwas Lifestyle: Frau Lauber nämlich arbeitet in der Unterführung in einem Taschen- und Schuhgeschäft und weiss: "Hier sind die Kunden hektischer als anderso - das ist nicht immer sehr angenehm." Pendler, die noch kurz eine Notebook-Tasche kaufen wollen. Passanten, die unbedint ein paar Schuhe brauchen - aber bitte schnell, der Zug fährt gleich.

Mittlerweile nimmts Frau Lauber gelassen. Sogar für randständige Personen sind ihre Türen offen. "Ab und zu kommen Leute mit ganz wenig Geld herein und schauen, ob gerade etwas zum halben Preis verkauft wird."

Eine ganz unglaubliche Geschichte

Gerade komme ich von einem Gespräch mit Alexander und Elena, die sich im Wartesaal etwas aufwärmten. Über 20 Minuten lang haben sie mir eine ganz und gar unglaubliche Geschichte erzählt: Erfunden oder nicht? Das weiss ich nicht. Ruhig und sachlich haben die beiden ihr Schicksal erzählt:

Alexander und Elena kommen aus Quebec in Kanada, wo Elena in einem staatlichen Kindergarten gearbeitet hat. 2001 ist ihr jedoch aufgefallen, dass etwas nicht stimmt - Elena vermutet bald, dass sie einem Kinderhandel auf die Schliche gekommen ist. Der Staat jedoch will nichts davon wissen. Elena verliert die Stelle und bald auch ihre gemeinsame Wohnung. Zweimal, so sagen sie, hat man versucht, sie auf der Strasse umzufahren. Kanada wurde schliesslich zu gefährlich für sie - sie reisten aus, um bei der UNO in Genf Hilfe zu fordern. Ein gesichertes Leben liessen sie hinter sich, um gegen den organisierten Kinderhandel zu kämpfen.

In die Schweiz kamen sie 2003 und verstrickten sich in den Mühlen des Systems. Auch hier wollte man ihnen angeblich nicht weiterhelfen, trotz Vorsprache bei der UNO und Briefe an die Bundesräte. Ein Papierkrieg nahm seinen Lauf. Doch Alexander und Elena waren gewillt, bis zum Schluss zu kämpfen.

Momentan sind sie obdachlos, leben aber beim Nationalrat Luzi Stamm in Baden (angeblich hat er ihnen in seinem Garten Zuflucht geboten) und sind auch mit Nationalrat Urs Hofmann in Kontakt. Wie es weitergeht, wissen die beiden nicht. Ihre Erzählung ist voller Wendungen und Rückschläge, doch niemals schienen mir, dass die beiden Hass oder Unzufriedenheit empfinden.

Eine haarsträubende Geschichte, die mich hier im Bahnhof Baden doch etwas überrumpelt hat. Darf man ihr glauben? Wenn man die beiden sieht, will man nicht recht an Con-Artists, sog. Trickbetrüger, glauben. Zu detailliert ist ihre Geschichte, zu wahrhaftig berichten sie von ihren unzähligen Versuchen, recht zu bekommen.

Aus dem Skizzenbuch (4): Spatzenfüttern


Auch ein Zeitvertreib: Spatzenfüttern bis der Zug kommt.

Aus dem Skizzenbuch (3): Warten auf dem Perron


"Hää, Radio?" Christa und Heidi von der Büvette

"Also das mit den Gipfeli war ja saublöd für mich!" Heidi erfeifert sich - doch dafür kann aber der Blogger nun wirklich nichts. Die Chefin der Bahnhofsbüvette blieb heute Morgen auf ihren Brötli und Sandwiches sitzen, weil DRS 2 gleich nebenan gratis Gipfeli an die Pendler verteilt hat. "Hää, Radio?" hat sie ihrem Mann geantwortet, als sie es erfuhr.

Heidi (rechts im Bild) hat andere Sorgen. Im Februar hätte die kleine Büvette am Ende von Gleis 1 abgerissen werden sollen, doch wegen Einsprachen steht sie noch - bis auf weiteres. Es ist ein Abriss auf Raten. Geld hat man schon lage nicht mehr in das Lokal gesteckt. Die Wände sind gelblich, das Mobilar zweckmässig, in der Ecke steht ein alter Spielautomat.

Christa ist die Frau an der Bar - und hat, ganz Klischee, das Herz auf dem rechten Fleck. "Hier treffen sich alle. Vom Zürcher Boutiquen-Besitzer bis zum Clochard." Manches Schicksal kommt zu ihr an den Tresen, das sei nicht immer leicht. Manchmal lassen sie auch zu Hause die Probleme der Gäste nicht los.

Bier wird hier den ganzen Tag ausgeschenkt. An die Bäcker, die morgens von der Arbeit kommen. An die Feierabendler. An die Stammgäste. "Es wird schon viel gesoffen und geraucht hier", sagt Chefin Heidi. Aber Sturzbetrunkene kriegen kein Bier mehr. Heidi hat da einen Trick: "Wenn einer reintorkelt und ein Grosses bestellt, sagen wir: klar, kriegst du. Dann gehen wir nach hinten und füllen das Glas mit alkoholfreiem Bier - das merken die sowieso nicht mehr."

Fahrprüfung bestanden!


Auf dem Perron getroffen: Filip und Laura. Sie küssen sich innig, doch haben nichts gegen die Störung durch den DRS 2-Blogger... Ich erfahre: Beide haben heute in Wettingen die theoretische Fahrprüfung geschrieben - und bestanden. Glückwunsch!

Belohnt hat sich Laura gleich selbst: mit einem Paar Turnschuhen (siehe Bild). Nach ihrem Kurz-Shoppingtripp müssen sie Baden wieder verlassen: Für Filip geht's weiter nach Zürich zur Arbeit, Laura muss zurück in die Schule.

Aus dem Skizzenbuch (2): Dame mit Hut


Warten auf den Zug nach Zürich:
Eine Dame auf Gleis 1.

Ein Bahnhofsvorstand, der keiner mehr ist

Er ist der Chef vom Bahnhof Baden: Victor Hungerbühler ist "Leiter Verkauf". Irgendwie tönt das nicht ganz so cool wie die frühere Bezeichnung "Bahnhofsvorstand". Und ja, liebe Nostalgiker, auch die klassische Uniform ist längst verschwunden.

"Der Verkauf ist quasi die letzte Bastion im Bahnhof", sagt Hunberbühler. Was nicht heisst, dass er ständig im Büro sitzt. "Wenn es manchmal Störungen gibt, sind auch wir draussen auf den Gleisen." Vorschriftsgemäss mit gelber Signal-Jacke.

Hinter Glas: Sabine Senn

"Wir am Schalter sind das 'Sorgentelefon' der SBB" - Sabine Senn muss es wissen. Seit 13 Jahren ist sie Reiseberaterin am Bahnhof Baden und muss dabei so einiges hören. Die häufigste Beschwerde: "unpünktliche Züge!"

In der Unterführung: Man in Pink

Dass Marketing-Abteilungen bemüht sind, Aufmerksamkeit zu erregen, ist bekannt. Aber Mitleid? Dieses Gefühl beschleicht mich, als ich in der Unterführung Alexander Hauri treffe. Seit vier Wochen sitzt er im Bahnhof Baden und verkauft Last-Minute-Reisen. Zur Farbe pink hat er ein gespaltenes Verhältnis.

Denn so ganz wohl ist Alexander Hauri nicht. Ausgestellt hinter Glas zieht er die Blicke auf sich. Das haben seine Chefs so entschieden: Alles ist pink, der Werbebanner, der Sonnenschirm, das Stehpult, ja selbst Hauris Overall ist so pink wie pink nur sein kann.

Langsam habe er sich an seine Aufmachung gewöhnt, sagt Hauri. "Manche Leute lachen, wenn sie mich sehen. Aber das verkraftet man."

Übringes: privat mag es Alexander Hauri eher dezent. Pinke Kleidungsstücke gibt es in seinem Schrank keine.

Aus den Skizzenbuch (1): Warten - worauf?


Unsere Zeichnerin vor Ort, Birgit Kiupel, hat sich in in die Ecke des Bahnhofsbuvette verkrochen und diese hübsche Szene beobachtet: Ein älterer Herr und eine Frau sitzen beim Kaffee, "Dauergäste", vermutet Birgit. "Sie warten - aber worauf?"

Dann kommt eine Dame reingeschneit (links im Bild), um kurz beim Espresso aufzutanken. "Eine Geschäftsfrau, vermutlich. Irgendwie schien sie voller Sorgen."

Ehepaar Steigmeier: Auf dem Weg ins Tessin


Auf Gleis 1 getroffen: Das Ehepaar Steigmeier auf den Zug nach Zürich, doch von dort gehts weiter ins Tessin. Steinmeiers haben dort, in Losone, einen Zweitsitz. "Deshalb das leichte Gepäck", meint Frau Steigmeier.

Im November ins Tessin? Klar, meinen die Steigmeiers: Wenig Touristen, mildes Wetter - und die Einheimischen seien auch ganz anders um diese Jahreszeit. "Weniger gestresst."

Gertrud Hirt: seit 3.15 Uhr auf den Beinen

"Warum in die Ferne schweifen - das Gute liegt so nah" - zugegeben, nicht gerade das Bahnhofsmotto der Stunde, doch für mich ist das Nahe tatsächlich auch das Gute: Unmittelbar neben meinem Blogger-Kämmerchen hier in Baden steht der Kiosk. Mein Kaffee- und Schoggibedarf ist somit für heute gesichert.

Gertrud Hirt, die mir hier das erste Kägifret verkauft hat, ist Kioskverkäuferin seit zweieinhalb Jahren. "Stress gibt es vor allem am Morgen, klar, aber das stört mich nicht. Dann schon eher die übernächtigten Jugendlichen, die am Samstag Morgen vom Ausgang heimkommen." Frau Hirt selbst ist selten übernächtigt. Um 19.30 Uhr ist für sie Bettzeit, denn bereits kurz nach 3 Uhr in der früh steht sie auf, um pünktlich um 4.45 Uhr die ersten Pendler versorgen zu können. Hut ab!

Aufwärmphase am Gleis 1 - mit Lapsus


Hier also hat sich heute das DRS 2-Team eingerichtet: Im kleinen Stationshäuschen in Baden, mit direkter Sicht auf Gleis 1.

Moderatorin Gabriela Kägi steht am Fenster und übt schon mal, was in 15 Minuten über den Sender geht. Dumm nur, dass ihr Mic bereits mit den Lautsprechern verbunden ist - und so wird ihre kleine Trockenübung halt direkt aufs Gleis übertragen: inklusive nervösem Seufzer und den Witzen mit den DRS 2-Technikern...